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Gefahr in Verzug

Wenn der Strom abgeschaltet wird

Die Wohnung war eiskalt. In ihrer ganzen Verzweiflung hatte Mbotu versucht mit einem Holzkohlegrill aus der Sommerzeit etwas Wärme zu produzieren. Zitternd hatte sie sich die Glut ganz dicht ans Bett gezogen und war eingeschlafen. "Ein Nachbar fand sie morgens halbtot im Hausflur", berichtete später die Feuerwehr Neuwied. Mbotu hatte es gerade noch geschafft, die völlig verrauchte Wohnung zu verlassen. Mit lebensbedrohlicher Kohlenmonoxidvergiftung kam sie ins Neuwieder Krankenhaus.

 

Wenige Monate zuvor waren Kerzen das Todesurteil von vier Kleinkindern geworden. In der Dachgeschosswohnung der Familie in Saarbrücken war der Strom abgeschaltet worden. Die verzweifelten Eltern hatten am Abend Kerzen angezündet, um etwas Licht zu haben. In der Nacht gerieten die Decken im Schlafzimmer in Brand. Die Feuerwehr konnte nur die Eltern und einen Säugling retten.

 

In diesem Moment sind in Deutschland tausende Haushalte ohne Strom. In Neuwied waren damals (mitten im Winter) 46 Stromzähler abgeschaltet, räumte ein Sprecher der Stadtwerke ein. Auch in Bonn oder Saarbrücken haben Hunderte keinen Strom. "Im Schnitt wird pro Jahr bei einem Prozent der 150.000 Stadtwerke-Kunden der Strom abgeschaltet", berichtet eine Sprecherin der Stadt Bonn. Ähnlich ist es in Saarbrücken. Bei der SWS AG gab es allein zwischen dem 01.3. und 09.10.12  insgesamt 2.881 Sperranträge, 1.395 Sperrungen seien dann vorgenommen worden, erfuhr die FDP auf eine Anfrage. Die Mitarbeiter der Versorger haben in der Regel keine Kundenkontakte und keinen Einblick in die Familien- und Lebensverhältnisse der Betroffenen, das hat datenschutzrechtliche Gründe, so die dürre Erklärung.

 

Das Sperr-Verfahren ist bürokratisch, überraschend schnell und jederzeit möglich. Bereits ab 100 Euro Schulden kommt nach der ersten Mahnung eine Zweite, dann die Sperrankündigung. Innerhalb von fünf bis sechs Wochen müssen die Schuldner zahlen, sonst ist es kalt und dunkel.

 

"Wir kamen nach der Schule nach Hause, als unser Vater sagte, wir sollen alles, was wir brauchen zusammenpacken", erinnert sich die 16-jährige Jenny. Im kalten Winter 2010 hatte es auch ihre Familie, alleinerziehender Vater, zwei Töchter, in Bonn erwischt. Der Vater hatte sich geschämt zum Amt zu gehen, erinnert sich Jenny. Sie waren aus den eisigen Zimmern geflüchtet und kamen bei einer Bekannten und bei der Oma unter. Zwei Wochen dauerte die Flucht, damals eine Ewigkeit, dann hatte Papa das Geld zusammen und in Bar abgeliefert, weiß die Jugendliche.

 

"Das ist ja schon im Mietrecht anders geregelt. Nur weil eine Familie einen Monat nicht gezahlt hat, kann man sie ja nicht auf die Straße setzen", regt sich der Saarbrücker FDP-Stadtverordnete Karsten Krämer auf.

 

"Hier ist Gefahr in Verzug, auch für andere Bewohner, wenn in einem Mehrfamilienhaus beispielsweise das Parkett angezündet wird", so der Politiker nachdenklich. Er sieht bundesweiten Regelungsbedarf.

 

Seine Fraktion war nach dem Tod der vier Kleinkinder bereits im Sommer auf die Barrikaden gegangen.

 

In Saarbrücken gibt es seitdem ein Vier-Punkte-Programm. Gefährdete Familien können bei der Stadt eine Einverständniserklärung ausfüllen, wonach der Versorger die Ämter über anstehende Stromsperren informieren darf. Auch in Neuwied gibt es Möglichkeiten, sich anonym Hilfe zu holen. Doch das reicht nicht, da sind sich inzwischen alle Beteiligten einig. Schließlich stehen Stromschulden von 100 oder 200 Euro in keinem Verhältnis zu  den Konsequenzen, die Familien über Nacht in die Obdachlosigkeit treiben können.

 

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